• SARAH DWYER

ENTDECKE DEN KENIANER IN DIR – ODER ZUMINDEST EINEN HALBEN


Was für ein Tag! Laufen macht gute Laune, das ist keine neue Erkenntnis. Nein, laufen macht beste Laune, vor allem wenn die Jubiläums-Laufveranstaltung in der schönen Domstadt Regensburg ist. Schon tags zuvor kann man sich dort im Zuge der Marathon Messe ausreichend einstimmen, sich seine Pastaportion in die Figur hauen und das Festival ähnliche Flair genießen. Dieses Jahr war es umso schöner, weil ich meine lieben Vertical Up Kitzbühel Mitstreiter Eva-Maria und Simon unverhofft dort antraf. Wir fachsimpelten, zusammen mit Eva-Marias Personal Trainer, über Laufvorbereitung, Trainingseinheiten und über alles Mögliche. Außenstehende haben uns unsere Vorfreude auf das Ereignis am nächsten Tag sicher angemerkt. Man strahlt es einfach aus, die Freude und Erwartung, ein wenig verstrahlt sind wir doch alle. Vor allem, wenn die Wetterprognosen für die Jubiveranstaltung hervorragend waren und noch dazu, wenn ein paar tausend Läufer am frühen Sonntagvormittag, endorphin-geschwängert und in bester Feierlaune sich im Startbereich in Regensburgs Westen einfinden und zu den motivierenden Beats wippen, die aus dem Lautsprecher schallen. Armin Wolf stimmte die Meute auf die bevorstehenden 21 bzw 42 km ein und sorgte dafür, dass es in den peripheren Muskelpartien vor lauter Aufregung und Vorfreude langsam aber sicher zu kribbeln began. Warm sollte es werden, sogar frühsommerlich. Ja so war es, beim 25. Regensburger Marathon. Aber Schritt für Schritt, klar, es bedarf viele Schritte bis gut 21 km hinter einem liegen. Letztes Jahr konnte ich in meiner Lieblingsstadt bereits 6 Minuten für die Halbmarathondistanz gut machen, es war mein 2. Start für diese Strecke. Schon lange war es ein geheim gehegter Wunsch, überhaupt und dann auch mehrere solcher Strecken laufen zu können und 2016 konnte ich nun schon zum 4. Mal dafür antreten. Es ist stets etwas ganz besonderes und besitzt Priorität im Terminplan und an den Tagen zuvor. Wer mich kennt, weiß, dass ich eine persönliche Zeitvorgabe hatte und diese wollte ich an diesem Tag unbedingt als ein 2016er Ziel anvisieren, eines der vielen Ziele in diesem Jahr. Und wer mich noch ein wenig besser kennt, weiß, dass ich mich, was die Vorfreude betrifft, ganz enorm auf ein solch tolles Ereignis einstimmen und pushen kann. Und schon ging es los, pünktlich um 08.30 Uhr. Bewusst positionierte ich mich ein schönes Stück vor meinem Ballonzeitläufer. Eine gewaltige Welle an leichtfüßigen, bunt und luftig gekleideten Laufbegeisterten schwappte über die Startlinie. Als Zuschauer war dies sicher ein fantastischer Anblick. Als Läufer in der Welle ist das manchmal gar nicht so spaßig, denn erstens hat man den Läufertunnelblick und zweitens haben mehrere zig Menschen um einen rum diesen und das macht ein vernünftiges geradeaus Laufen oftmals sehr schwierig. Doch nach ein paar km entzerrt sich das Läuferfeld, leider verlor ich auch meinen roten Ballon mit den 1:45 drauf fast aus den Augen, denn der gaste voran. Ich dachte mir nur „Oh Hilfe, was läuft der denn, das wird ja ne ganz andere Zeit, und aussis, da kann ich nie mithalten“! Ich hatte den umzingelten Ballonläufer, der immer allen Musikgruppen entlang der Strecke sympathisch oft und auffällig zuwinkte, meist ca. 200-300m vor mir, das beruhigte und irritierte sogleich. Allerdings kam mir wieder schnell in den Sinn: „Hey, Säääärah, du willst den Run hier in der geilen Stadt, mit der sensationellen Stimmung genießen, nun schau zu, dass das auch so ist!“ Ja und so war es, denn die Zuschauermengen an der Strecke waren fantastisch. Es wurde gejubelt, angefeuert, die eigenen Namen wurden einem von wildfremden Menschen zugerufen (denn der Vorname stand auf der Startnummer drauf), Kinder versammelten sich vor den Wohnungstüren, stellten umgedrehte große Eimer auf und klopften mit großen Holzstäben drauf, in unterschiedlichen Rhythmen, fast einstudiert, so schien es mir. In der Gesandtenstraße fiel mir dann auf, dass sich die Schar weit vor, neben und hinter mir anhörte, wie das berühmte Stierrennen im spanischen Pamplona, Laufstiere, nur halt in einer Lightversion, zweibeinig, ohne Hörner und als ob sie alle Söckchen trugen, tapp, tapp, tapp, in den Gassen und auf glattem Pflaster. Ein tolles Geräusch, eines mit Zielgedanken. Läuferisch-akustischer Hochgenuss und das inmitten der historischen Gebäude und Straßenzüge, mit besonderem Flair und bebender Stimmung. Auffällig waren dieses Mal die vielen Teilnehmer, die Schnurrstracks auf die Verpflegungsstationen zuliefen, mit beiden Händen nach den Bechern griffen oder ihre Schwämme in die gut gefüllten Wannen eintauchten. Es war wirklich sehr warm, vor allem wusste man ganz genau, dass man 10km gen Osten lief, denn die Sonne strahlte mit voller Wucht bereits am Morgen vor unseren Nasen. Immer wieder ließen einem die Musikgruppen das Tempo anheben, es gab Jungen, die ihre „alten“ Vuvuzelas plötzlich wieder brauchen konnten und diese für uns zum Einsatz kamen. Eine gigantische Sache, denn man ist während des Rennens ergriffen vom Zuspruch und man freut sich einfach so sehr. Ich bekam Gänsehaut, obwohl es so verdammt heiß war. Außerdem stellt ich fest, dass ich in den schattigen Abschnitten an Tempo zulegen konnte, aber sobald es wieder sonnig und schon fast stickig war, verlangsamte ich schließlich wieder, leider. Öde wurde es im Osten der Stadt, auf den Firmengelände und der Zubringerstraße, aber hier gilt der Spruch: „Lauf schneller, dann bist schneller wieder davon weg!“ Gesagt, getan. Nun, was macht, denkt und spricht man, 21,.. km lang? Ach, eigentlich gar nicht so wenig: natürlich läuft man fleißig, man überholt andere oder wird überholt, man passt auf, das man nicht über seine eigenen oder fremde Füße oder Bordsteine stolpert, man stellt sich vor, was andere am Vortag sicher gegessen haben müssen, weil man es ganz genau riecht (das reicht von indisch, über orientalisch bis zu bayrisch), man quatscht fremde Leute an, die aber bekannte Vereinsshirts tragen (so geschehen vom Ski und Bike Verein Deggendorf und LV Deggendorf), plaudert ein wenig, denkt drüber nach, worüber man im nächsten Bericht schreiben könnte, freut sich über jede Versorgungsstelle, sucht sich Mitstreiter, die einen guten Rhythmus laufen, um sich an diese dran zu hängen, denn ab und an verliert man den eigenen. Und ich bilde mir immer ein, dass, wenn ich deren Windschatten laufe, Energie spare. Ja, offensichtlich fängt bei bestimmten Distanzen und Temperaturen auch an zu phantasieren. Somit habe ich einen gefunden, der ab km 7 etwa meine Pace lief, immer wieder mal vor mir. Nach den Stationen dann wieder hinter mir, denn er meinte, er müsse stehen bleiben beim Trinken. Er hatte eine aerodynamische Läuferfigur, ein grünes ThoniMara Shirt an und verriet mir, dass dies erst sein 2. HM sei und er eine Zeit von unter 1:50 Min anpeile. Daraufhin versicherte ich ihm, dass er, wenn er so weiter renne, dies locker schaffe. Anscheinend fand er die Kommunikation mit mir sympathisch, denn als ich bei km 15 etwa ein wenig einbrach, sah er sich regelmäßig zu mir um und gab mir mit seinem fordernden Blick zu verstehen, dass ich hinmachen solle. Das war irgendwie hilfreich, wobei ich ab km 18 meine Oberschenkel in einem Schraubstock zu fühlen wusste, was sich nicht unbedingt förderlich auf meine Geschwindigkeit auswirkte. Zwei wohl HM unerfahrene Burschen meinten hinter mir, dass nun die letzten angenehmen 6km bevorstanden. Ich musste mich dazu äußern, weil ich der Meinung war, dass das Wort „angenehm“ eher unpassend sei, nein sogar eine extreme Antithese. Schön, dass man während der Rennen immer mit anderen rumwitzeln kann. Ich bezeichnete die angenehmen letzten km als stock-fies. Anschließend muss ich als Schlusssprint-Liebhaberin gestehen, dass dies bei 20 km nicht annähernd so glücklich funktioniert und sicher auch nicht so schick aussieht, wie bei einem 10er oder 7er. Aber was soll’s, überwältigt von meiner Leistung, der Stimmung und der bewegenden Eindrücke des gesamten Laufes schoss ich dennoch über die Ziellinie, einen „WOOOOHOOOO“-Ruf mit Zielsprung, den ich mir von meinen Betonklotzbeinen nicht vermasseln ließ. Und siehe da, der Lauf-Kompagnon war nicht nur ein freundlicher Begleiter mit guter Pace während des Wettbewerbs, nein, er erwies sich noch dazu als Gentleman mit besten Manieren, denn er passte mich im Ziel ab und drückte mir ein isotonisches, orangefarbenes Getränk in die Hand. „Wow, so ein Zielbier kann echt sauguad schmecken!“ dachte ich. Trotz Hitze bekam ich wieder starke Gänsehaut und man ist einfach ausgepowert und erleichtert, mit steifen und stählernen und unkontrolliert zuckenden Beinen. Die Glückshormonausschüttung ist allerdings im Ziel jedes Mal garantiert. Ich freute mich, bekannte Gesichter zu sehen, sich klatschnass in die Arme zu fallen und zu gratulieren. Christian, ein treuer Laufwettbewerbskumpel, ist wieder mal um sein Leben gerannt, als gäbe es keinen nächsten Tag, keine nächste Minute, in der er am Leben bleiben durfte. Ein Wahnsinn einfach. Der ist wirklich ein Kenianer und er verriet mir, dass er dies nicht nur halb bleiben möchte. Ein gewaltiges Event durfte ich in Regensburg wieder einmal erleben. Für mich deshalb so berauschend, weil ich mein 2016-HM-Ziel erreichte und mich dies überglücklich stimmte, auch die Platzierung lässt sich herzeigen: 6. in der AK von 131 Starterinnen, ich konnte es kaum glauben. Als ich dann einen Bericht des TVA Regensburg im Netz sah worin die Siegerin und Vereinskollegin Tina Fischl im Interview nach ihrem sensationellen Lauf erwähnte, dass auch sie mit der Hitze kämpfte, war ich schon ein wenig beruhigt. Wobei sich ihre Dimensionen und Laufzeiten extrem von meinen unterscheiden. Für mein Gewissen und den Eindruck meiner Laufleistung war diese Äußerung von entscheidender Bedeutung. Danke Tina, mir ging es mit diesem Wissen dann besser. Then I was eased off! Die Feierei fand schließlich ihren Höhepunkt in Leipzig, wo ich mit meiner Kumpeline Steffi und Dario den Aufstieg des Zweitligisten in die 1. Liga erleben durfte. Schön, wenn sich Fleiß, Disziplin und Einsatz lohnen, egal in welcher Sportart, als Team oder Einzelsportler. Schmerzen, Verletzungen, Rückschläge und Entbehrungen, alles ist mit dabei und hat keinerlei Bedeutung mehr, wenn Ziele, die gesteckt wurden, erreicht werden können. “Pain is temporary, impact is forever“, passender konnte der Spruch an diesem Tag nicht sein. Ich habe diese Phrase seit über einem Jahr als Hintergrundbild auf meinem Handy zusammen mit dem Wings for Life World Run Logo und dieses Motto begleitet mich tagtäglich. Ich denke an niemandem ist die zweite hochkarätige Laufveranstaltung an diesem Tag entgangen, eine mit internationalem Charakter und ganz besonderer Message: “Run for those who can’t!“ Nächstes Jahr, 07.05.17 in München bin ich dabei. Mich hat es gefreut, dass ich im VIP Bereich das weltweit zeitgleich stattfindende Spektakel mit verfolgen konnte. Es war einfach ergreifend und wer da nicht Gänsehaut bekommt, mit dem stimmt irgendetwas nicht. 6,6 Mio € an Spendengeld wurde erzielt. 100% der Spendengelder kommen der Rückenmarksforschung zugute – sämtliche administrativen Kosten werden von der Firma Red Bull getragen. Ein absoluter Oberhammer, ein unglaubliches Massenphänomen, den über 130 Tsd. Menschen weltweit liefen mit. Nächstes Jahr wird der Termin hoffentlich nicht mit dem Regensburger Marathon kollidieren. Nach meinen erkämpften gut 21km schmeckte im Leipziger Stadion der Spargel noch so gigantisch viel besser. Weil ich nachmittags bereits 389% Tagesaktivität auf meiner Polar Uhr hatte, wurden es viele Spargelportionen und viele Chiasamen Desserts. Die kenianischen Körpermaße waren mir in den Folgestunden vorerst mal ganz egal, spannend war es, lang und spät wurde es, aber durchwegs feierlich und besonders. Der Muskelkater danach war nicht Schmerz, sondern Lohn! Danke an alle für diesen einzigartigen Tag, es war schön ein kleiner Teil davon gewesen zu sein. Running rocks, stay tuned! Eure Sarah

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